Trauer: So können Angehörige helfen

Während einer Nepal-Reise verlor Silke Szymura ihren Partner. Lange musste sie selbst sehen, wie sie mit ihrer Traurigkeit umgehen sollte. Heute spricht sie trauernden Menschen auf ihrem Blog „In lauter Trauer” Mut zu und möchte einen Raum schaffen, in dem Trauer auch sein darf.

Silke Szymura: Die Idee kam mir durch eine der üblichen Beileidskarten, auf denen „In stiller Trauer“ steht. In meinem Titel ist das „still“ durchgestrichen und wurde durch „laut“ ersetzt. Denn ich finde, Trauer sollte ausgedrückt werden dürfen. Die Karte hieß für mich immer so etwas wie: „Wir geben dir jetzt diese Karte, wollen dich aber in Ruhe lassen und du trauerst schön still für dich hin. Wenn du dann fertig bist, kannst du wieder kommen.“ Das finde ich einfach schade, wenn sich dieser Satz für Trauernde so anfühlen kann.

Und was ist für dich „laute Trauer“?

Laute Trauer meint für mich nicht, dass es ständig herausgeschrien werden oder andauernd geredet werden muss. Sie kann auch still sein. Aber es geht mir darum, dass Trauer ihren jeweiligen Ausdruck finden kann. Bei dem, was ich mache, geht es mir natürlich auch darum, darüber zu sprechen oder zu schreiben und Aufmerksamkeit darauf zu bringen. Denn Trauer und der Tod sind nach wie vor Tabuthemen. Aber das müssen sie nicht bleiben.

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Zwischen den Welten - Eine wahre Geschichte über den Tod, die Liebe und das Leben

„Zwischen den Welten – Eine wahre Geschichte über den Tod, die Liebe und das Leben“ von Silke Szymura, MASOU Verlag, 12,90 Euro

Viele Außenstehende sind unsicher, wie sie mit einer trauernden Person umgehen sollen. Gibt es bestimmte Sätze, die einem als Trauernder gut tun zu hören?

Das ist immer das Bedürfnis. Allgemein würde ich sagen, es ist immer besser etwas zu sagen, als nichts zu sagen. Weil dieses Schweigen sehr schwer zu ertragen ist. Wobei natürlich manche Sätze schon auch verletzen können. Ich glaube es geht nicht darum zu überlegen, welchen tollen Satz ich sagen kann, denn den gibt es nicht. Eigentlich gibt es überhaupt keinen Satz, der irgendetwas besser machen könnte.

Es geht eher darum, das Ganze mit auszuhalten. Man sollte einfach auf das eigene Gefühl hören. Ehrlich zu sagen „Ich weiß gerade auch nicht, was ich dazu sagen soll, denn das überfordert mich irgendwie und es ist einfach so schlimm“, kann schon sehr gut tun. Oft gibt es auch gar nichts zu sagen. Gemeinsames Schweigen kann vielleicht auch gut tun, denn manchmal gibt es auch keine Worte, wenn so etwas passiert ist.

Das braucht der Trauernde wirklich

Du hast gerade davon gesprochen, dass es nicht darum geht, etwas besser zu machen. Gibt es trotzdem bestimmte Dinge, die man vielleicht falsch machen kann in so einer Situation?

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Silke Szymura bloggt nicht nur, sie hat auch das Buch "Zwischen den Welten" geschrieben

Generell finde ich es immer schade, wenn wir so in „richtig“ und „falsch“ einteilen. Es geht darum zu sehen, was ich überhaupt machen kann. Das habe ich gelernt, denn ich war am Beginn der Trauer schon oft enttäuscht von Dingen, die gesagt wurden. Jetzt, mit ein bisschen Abstand, sehe ich aber auch, dass es vielleicht gar nicht anders ging. Deshalb will ich nicht so urteilen.

Gleichzeitig gibt es natürlich Dinge, die das Ganze nicht unbedingt erleichtern. Oft werden Floskeln verwendet. Ich habe heute Vormittag zum Beispiel einen Artikel über das Starksein geschrieben. Es wird oft gesagt, „du bist so stark“ und das kommt eher so an wie ein „du musst jetzt stark sein, damit andere dich vielleicht nicht als schwach erleben müssen“. Aber man muss auch schwach sein dürfen, bei einem solchen Schicksalsschlag. Es geht immer darum, den Trauernden wirklich zu sehen und zu fragen, was er gerade braucht, bevor mit so einer Floskel irgendetwas weggewischt wird.

Wie gehe ich damit um, wenn jemand sich beim Trauern eher zurückzieht und Abstand nimmt?

Trauer verläuft nicht linear in irgendwelchen Phasen, die man vielleicht mal gehört hat. Es kann sein, dass es Tage oder Wochen gibt, in denen man sich eher nach Rückzug fühlt, in denen es einfach nicht geht, rauszugehen. Das heißt aber nicht, dass das immer so ist. Deshalb bin ich nicht gleich in der Kategorie „Trauernde, die alleine gelassen werden wollen“. Das habe ich selbst so erlebt und kenne es auch von vielen anderen, dass es dann einfach gut tut, wenn immer wieder gefragt wird, ob man etwas braucht und wie es einem geht.

Ich weiß, dass das schwer sein kann, weil da dieser Gedanke drin steckt „Ich will ihn ja jetzt nicht stören“. Aber es kann ja wirklich nur ein Angebot sein – wenn ich zum Beispiel sage: „Ich könnte vorbeikommen“. Trotzdem muss für den Trauernden aber klar sein, dass er immer „nein“ sagen kann. Es kann natürlich vorkommen, dass es jemandem wirklich zu viel wird, dafür muss man dann als Angehöriger auch offen bleiben und sich nach dem Bedürfnis des anderen richten. Aber ich kenne das aus meiner Erfahrung, dass viele geglaubt haben, ich bräuchte den Rückzug und die Ruhe – aber für mich war es gar nicht so.

Also soll man sich von dem Eindruck nicht abhalten lassen.

Ja, das war für mich unglaublich wertvoll, Freunde die immer wieder kamen, obwohl ich dreimal hintereinander abgesagt habe, und einfach noch mal gefragt haben. Ich wusste, ich kann immer absagen aber ich kann es auch annehmen.

Helfen ohne sich zu stark selbst zu belasten

Und wenn es ins Gegenteil umschlägt, dass man sozusagen zu sehr als Seelsorger gebraucht wird und es einem zu viel wird?

Grundsätzlich ist es wichtig, immer gut für sich zu sorgen. Es bringt natürlich nichts, wenn man sich gleichzeitig mit aufgibt. Das bringt auch dem Trauernden nichts, wenn man dann irgendwann nicht mehr kann. Da muss man dann vielleicht auch manchmal sagen: „Du, heute schaffe ich es leider nicht.“ 

Also auch seine eigenen Grenzen setzen.

Genau und dann kann man schauen, was man braucht, damit man dann wieder aus der vollen Kraft da sein kann. Was auch immer gut ist: Zu sehen, welche Freunde aus dem eigenen Umfeld oder dem des Trauernden noch helfen können – man kann das auch gemeinsam tragen. 

Eine gute Idee ist auch, sich Unterstützung zu suchen bei einem Trauerbegleiter oder Therapeuten und darüber zu reden, wie man damit umgeht. Das kann sehr hilfreich sein mit jemandem Außenstehenden zu sprechen, der vielleicht eine andere Sicht auf die Dinge hat.

So drückt man sein Mitgefühl aus

Was hältst du denn allgemein von Beileidskarten? Hast du eine Idee, wie man sein Mitgefühl ein bisschen origineller ausdrücken kann?

Ich halte eigentlich viel davon. Es muss natürlich nicht der einzige Weg sein, das zu machen. Es kommt darauf an, ob Gefühle darin stecken. Man sollte es nicht „erledigen“ wollen, nur weil man das eben so macht. Aber wenn ich das Gefühl habe, ich möchte mein Mitgefühl in dieser Weise ausdrücken, dann finde ich so eine Karte auch eine gute Wahl. Es ist natürlich schön, wenn es nicht bei der Karte bleibt, es kann auch zum Beispiel ein Brief sein, ein Anruf oder ein Besuch.

Hast du selbst Beileidskarten bekommen?

Nur sehr wenige. Vielleicht haben sich einige gefragt, ob man das überhaupt noch so macht. Viele haben mir dann per Mail geschrieben. Aber ich muss sagen: Diese paar Karten, die ich bekommen habe, fand ich sehr wertvoll. Schön finde ich vor allem, wenn jemand von den eigenen Gefühlen schreibt und nicht in Floskeln. Vielleicht auch, wenn man den Verstorbenen kannte, davon zu schreiben, wie er erlebt wurde, was für Erinnerungen von ihm da sind oder wie sehr man ihn selbst vermisst. Das ist das, was wirklich gut tut.

Unterstützung durch TrauerbegleiterInnen

Du bist auch Trauerbegleiterin für Betroffene und deren Nahestehende. Was kann man sich darunter genau vorstellen?

Ich biete Einzelbegleitung an, persönlich, per Telefon, E-Mail oder per Skype. Das ist so individuell wie der einzelne Mensch und auch die Trauer selbst. Manche haben das Gefühl, dass sie gerne über ein Thema, eine bestimmte Frage sprechen möchten. Dann bedarf es vielleicht nur eine oder zwei Sitzungen, um dem Raum zu geben. Genauso ist es aber möglich, dass ich über einen längeren Zeitraum da bin.

Mit dem Verlust hängt aber nicht nur die Trauer zusammen, sondern auch die ganz großen Fragen, wie „Wer bin ich jetzt?“, „Wie lebe ich ohne dich?“. Ich habe gemerkt, dass es dafür tatsächlich mehr Raum braucht. Aus diesem Grund biete ich jetzt auch sogenannte „Retreats“, also Auszeiten, für Trauernde an und möchte ihnen auch für diese Fragen mehr Raum öffnen.

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